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Empathie mit Extremansichten – Bericht über ein politisches Design-Lab

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Hätte man die jüngsten Erfolge von rechtskonservativen Strömungen und Personen verhindern können, wenn man Trump-Wähler, Brexit-Befürworter sowie Pegida- und AfD-Anhänger besser verstanden hätte? In einem aktuellen Projekt haben wir mit design-basierten Methoden den Ansatz der demokratischen Empathie getestet.

Viele Demoskopen und Soziologen haben die Erfolge rechtskonservativer Parteien und Personen nicht vorhersehen können. Klar ist: Mit Faktenwissen auf Überzeugungstour zu gehen, führt nicht unbedingt weit. Dabei sehen Studien parteinaher Stiftungen eine deutliche Radikalisierung einer neurechten, gewaltbereiten Minderheit in Deutschland. Demokratischen Prozessen droht die Aushöhlung durch vereinfachende, populistische Rhetorik: Elite gegen Volk, Ausländer gegen Deutsche, wir gegen die.

Von Medienvertretern heißt es, Politiker*innen hätten Personengruppen mit radikalen Ansichten und ihre Bedürfnisse besser verstehen und adressieren müssen. Doch wie können Menschen mit radikalen Sichtweisen überhaupt besser verstanden werden? Und wie können populistische „Wir-gegen-die“-Gegensätze aufgehoben werden? Ansätze wie das mensch-zentrierte Design und das Design Thinking bieten uns methodische Zugänge, um Antwort auf diese Fragen zu finden.

Demokratische Empathie im Design-Lab

Dem Grundsatz der demokratischen Empathie folgend haben wir uns in einem Design-Lab unter Beteiligung gesellschaftspolitischer Akteure auf den Austausch mit diversen Zielgruppen eingelassen: unter anderem mit AfD-nahen Personen, Menschen mit muslimischem Hintergrund und Personen mit liberalen bis linken Weltbildern. Sicherlich stellte die Auseinandersetzung mit AfD-Sympathisanten die größte Herausforderung für unsere Projekt-Teilnehmenden dar.

Wie sind wir vorgegangen, um die Begegnung mit radikal anderen Perspektiven zu ermöglichen und produktiv zu gestalten?

Eine strukturierte Vorbereitung und gemeinsam erarbeitete Leitfäden sowie das Generieren von Empathie dienten als Werkzeuge für das Gespräch mit den verschiedenen Zielgruppen. Wir haben von den Teilnehmenden ganz ausdrücklich eine empathische Haltung eingefordert: Die der neugierigen, diplomatischen Forschenden, die nicht versucht, andere von ihrer Meinung zu überzeugen, sondern sich darauf einlässt, ihrem Gegenüber vorbehaltlos und wertfrei zuzuhören in der Absicht, deren Perspektive aus deren Sicht nachzuvollziehen. Im politischen Tagesgeschäft nicht immer eine leichte Übung.
Beim Umgang mit unseren Erkenntnissen aus den Interviews ließen wir uns von den Vorschlägen zur Persona-Entwicklung vom Innovationsstrategen Johannes Meyer inspirieren, der sich bereits ein Jahr vor der Trump-Wahl Gedanken zu der Frage machte, wie man Empathie mit Trump-Sympathisanten aufbaut.

Drei Einsichten aus dem Design-Lab

Neben vielen überraschenden Einsichten und persönlichen Aha-Erlebnissen während der Interviews haben wir drei wesentliche Themenkomplexe mitnehmen können: Welche methodischen Probleme gehen für Design Thinker mit einem solchen betonten Empathie-Ansatz einher, der über die übliche Nutzer-Perspektive hinaus geht? Ist die politische und mediale Kultur, die wir uns angeeignet haben, bereit für diese Vorgehensweise? Welche individuellen Dissonanzen können hervorgerufen werden?

1. Methodische Probleme

Ein zentrales methodisches Problem ist, dass Design-Prozesse sich an den Bedürfnissen von Menschen ausrichten. Im Design Thinking denkt man alles aus der Perspektive der Nutzenden heraus. Dieser Grundsatz wird im politischen Kontext mit radikalen oder fundamentalistischen Zielgruppen, die andere Wertvorstellungen haben, in Frage gestellt. Ein Beispiel: Das Bedürfnis einer Person könnte lauten, dass Deutschland ausländerfrei wird oder dass der Ehemann das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder innehat.
Wenn man nicht auf den direkten Bedürfnissen der Interviewpartner*innen aufbauen kann, schlägt Johannes Meyer die Formulierung „Ich denke, mein Trump-Anhänger ist fehlgeleitet, insofern als dass…“ vor. Unsere Erfahrung in der konkreten Teamarbeit mit dieser Formulierung war allerdings, dass sich viele Teilnehmende damit schwertun, das Verhalten anderer als „fehlgeleitet“ zu bezeichnen. Unsere Lösung bestand darin, eher darauf zu fokussieren, was den Interviewpartner so unzufrieden macht und welche konkreten Ängste und Sorgen es sind, die von radikalen Parteien und Personen bedient werden – dann kann man sich nämlich im nächsten Zug fragen, ob es nicht auch andere Lösungsansätze für diese Sorgen geben könnte. Demokratische Parteien und Träger der demokratischen oder politischen Bildung können neue Zugänge zu Teilen der Bevölkerung finden, die sich von den sogenannten „Mainstream“-Politiker*innen abgewendet haben.

2. Ist unsere politische Kultur schon soweit?

Bei einem solch empathischen Ansatz handelt es sich nicht nur um eine methodische, sondern auch um eine kulturelle Herausforderung. Es ist fraglich, ob unsere Kultur und der mediale Diskurs bereit sind für Personen wie beispielsweise ein Christian Lindner, der sich mit Neurechten zusammensetzt – heißt es dann „Die FDP lässt sich von der AfD beraten?“ – oder für eine Sahra Wagenknecht, die sich an einem Workshop mit Pegida-Teilnehmenden beteiligt – heißt es dann „Die Linke plant die Querfront?“.
Offen und transparent mit demokratischen Empathie-Ansätzen umzugehen könnte der richtige Schritt sein, um auch im medialen Diskurs Anerkennung für progressive Ansätze zu erhöhen.

Darüber hinaus wurde vielfach der Vorwurf erhoben, dass man Rechte „adelt“, wenn man sie zum Beispiel in Talkshows einlädt. Allerdings hat das Einladen in Talkshows zunächst einmal nichts mit dem Verstehen von Wählern und Sympathisanten zu tun. Und in dieser Workshop-Situation geht es eben auch nicht um das Austauchen politischer Standpunkte wie in einer Talkshow, sondern um ein einfaches „Ich interessiere mich für dich“.

3. Persönliche Dissonanzerfahrungen

Perspektivisch kann es immer passieren, dass wir Menschen sympathisch finden, deren Sichtweisen wir ablehnen. Was ist, wenn der Gesprächspartner lustige Sprüche bringt, man gemeinsam lachen kann? Wenn man Gemeinsamkeiten feststellt, wie Basketball spielen, E-Zigarette dampfen oder aus derselben Gegend kommt?
Die US-amerikanische Soziologin Arlie Hochschild, die fünf Jahre zu Trump-Wählern in Lousiana forschte, schreibt:

“For certain people I asked, would you show me the school you went to, could we visit the church you went to, the cemetery where your parents were buried. They were wonderful people who I came to know in this way.“

Auf diese Möglichkeit müssen sich alle Teilnehmenden an mensch-zentrierten Prozessen einlassen wollen und können – und auch auf die Dissonanz, die dadurch erzeugt wird.

Vorbild Soziologie

Die Soziologin Arlie Hochschild hat gezeigt, wie es geht: Fünf Jahre beforschte die Kalifornierin Trump-Wählern und Tea-Party-Sympathisanten in Lousiana.

“What I wanted to do was take my own political and moral and social alarm system off and permit myself to curiosity and interest in people very different from myself,” erklärt sie.

Was sie herausfand war die „deep story“, die hinter den Gedanken und Theorien von Trump-Wählern steht (die vollständige „deep story“ findet sich hier). Die deep story ist ein kurzer Absatz, den Hochschild anschließend weiteren Interviewpartnern vorstellte. Die Reaktionen waren eindeutig: Es war ihre Story. “You read my mind”, sagten die Leute.

Der verstehende Ansatz ist ein soziologischer Ansatz.

Deshalb nutzen Designer ethnographische und qualitative Ansätze wie Interviews und Beobachtung, um sich Menschen und ihre Lebenswelten empathisch zu nähern. Wie Arlie Hochschild versuchen sie, die deep story von Menschen herauszufinden. Welche Geschichte steckt hinter ihren Alltagsannahmen und Glaubenssätzen?

Soziologische Erkenntnisse inspirieren uns dazu, weiter zu denken und gemeinsam in den Modus eines konkreten Tuns zu kommen. Aber wie kann der Schritt von der wissenschaftlichen Diagnose hin zu einer konkreten Veränderung erfolgen? Renommierte Soziolog*innen fragen sich im Angesicht der Wahl Trumps zum Präsidenten, wie sie ihre Ergebnisse in die Alltagswelt der Menschen hineintragen können:

„How do we bring our sociological insights and analysis to people beyond our echo chamber, beyond those glass barriers? This is a conversation to need to begin now.“

Politik für Morgen

Wenn wir bei unseren klassischen Ansätzen und Strukturen bleiben, wird es ein schwieriges Unterfangen, die Grenzen unserer Echokammern zu überwinden. „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, sagte Albert Einstein. Genau an dieser Stelle macht Design den Unterschied, weil es sich nicht mit dem Erstellen von Verständnisstudien begnügt, sondern die Erkenntnisse im Konktext nutzt, um etwas Neues zu gestalten.

Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass Mensch-zentriertes Design und Design Thinking uns einen methodischen Zugang bieten können, um demokratische Empathie zu praktizieren. Im Workshop haben Menschen gemeinsam eine neue Arbeitskultur erschaffen, ihre Zielgruppen in den Mittelpunkt gestellt und Prototypen geschaffen, mit denen sie Ideen und Annahmen früh und günstig testen können. Damit eröffneten sie einen Raum, in dem sich Politikgestaltung für die Gesellschaft von Morgen konkret angehen lassen kann.