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Demokratische Empathie gegen populistische Vereinfachung

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Mensch-zentriertes Design in der Politikgestaltung: Bei Veranstaltungen unserer Initiative Politics for Tomorrow entwickeln wir Innovationen mit und für den öffentlichen Sektor. Dabei spielt Empathie eine zentrale Rolle und wir werden häufig gefragt, was Empathie nun eigentlich sei. Neben dem umfangreichen und teils widersprüchlichen Wissenschaftsdiskurs zum Thema gibt es ein ganz praktisches Verständnis von Empathie, auf das wir uns in unserer Arbeit gern beziehen. Dieses sei hier kurz vorgestellt.

Eher kalt als warm

Im Sinne des Soziologen Richard Sennett betrachten wir Empathie nicht so sehr als warmherzige, natürlich vorhandene feel-good-Einstellung, sondern eher als eine „kalte“, neugierige und diplomatische Geisteshaltung, die viel Mühe kostet. Wenn Sie sich vorstellen, sich in einen irakischen Rebellen hineinzuversetzen, werden Sie sehen, wie groß die Herausforderung sein kann. Was wir unseren Workshop-Teilnehmenden gerne mit auf den Weg geben: Nach Sennett geht es bei der Empathie nicht um das emotionale Eintauchen in den anderen. Wir müssen uns nicht zwangsläufig voller Mitgefühl auf jemanden einlassen und eine emotionale Synthese eingehen. Das wäre Dialektik (meine Meinung + deine Meinung = unsere Meinung). Stattdessen geht es bei der Empathie um einen Dialog. Du hast eine Meinung, ich habe eine Meinung und wir versuchen uns gegenseitig zu verstehen. Aber am Ende steht nicht zwangsläufig eine verschmolzene Meinung oder eine Übereinkunft, sondern eben ein gewisses neugieriges Verständnis. Denn unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten der Wirklichkeit sind beschränkt, und es gibt gute Gründe und zahllose Beispiele dafür, der Richtigkeit unserer Wahrnehmungen nicht wahllos zu vertrauen.

Demokratische Empathie

Im Design-Bereich ist häufig die Rede von radikaler Empathie. Bei Politics for Tomorrow gehen wir allerdings davon aus, dass Empathie nicht radikal ist, sondern im Idealfall den „Normalmodus“ einer demokratischen Gesellschaft darstellt. Deshalb reden wir lieber von demokratischer Empathie, von Momenten direkter und echter Begegnung mit anderen Menschen. Diese Begegnungen finden in unseren Workshops zum einen in den Teams statt, weil wir dafür sorgen, dass Menschen aus verschiedenen Sektoren und mit unterschiedlichen Expertisen kooperieren. Zum anderen begegnen wir in der Phase des „User Research“ jenen Zielgruppen, für die wir innovative Ideen entwickeln.

Schon für den soziologischen Klassiker George Herbert Mead stellte die Fähigkeit zur Empathie den entscheidenden Faktor bei einer „demokratischen Erziehung“ dar. So müssen entscheidungstragende Repräsentanten des Volkes ein Wissen über das von ihnen vertretene Volk besitzen, um diese angemessen repräsentieren zu können. Doch auch das wählende Volk benötigt in einer zunehmend als komplex wahrgenommenen Welt ein Wissen über möglichst viele Perspektiven, Interpretationsansätze, Werte und Gewissheiten. Nur ein empathisches Wissen um den anderen kann zur der Erkenntnis führen, dass der andere denselben Existenzanspruch besitzt wie ich. In der Anerkennung der Variabilität von Werten, Sprache und Perspektiven liegt die Chance, aktiv an gesellschaftlicher Gestaltung mitzuwirken.

Die Demokratie ist eine Herrschaftsform, bei der Macht und Regierung vom Volk ausgehen. Wie lassen sich die daraus folgenden demokratischen Grundsätze praktisch realisieren und politische Ordnung wirkungsvoll umsetzen, ohne in einen vereinfachenden Populismus zu verfallen?

Gegen populistische Vereinfachung

Es ist eine offene Frage, ob der Populismus eine Fehlentwicklung der Demokratie ist oder ihr inhärent ist. Einig ist man sich über die Ablehnung eines „dünnen“ Populismus, wie die Politikwissenschaftler Benjamin Moffitt und Simon Tormey es nennen. Dieser dünne Populismus zeichnet sich aus durch verkürzende Darstellungen, Vereinfachung des politischen Diskurses, „saubere Wir-gegen-die-Gegensätze“ und kurzfristige Lösungsvorschläge. Ein solcher Populismus bedeutet das Gegenteil einer empathischen Geisteshaltung, da er verschiedene Perspektiven auf holzschnittartige Darstellungen reduziert. Dadurch verkürzt er die komplexen Realitäten und Lebenswelten der Menschen und trägt im schlimmsten Fall faschistoide Züge. Ein solcher Populismus hetzt Menschen gegeneinander auf und führt zu Grausamkeit gegenüber einzelnen Personengruppen.

Empathie in Design-Prozessen bietet ein Gegenmittel zu populistischen, vereinfachenden Ansätzen, da sie das simple Diktum des „Wir gegen die“ oder die Parole „Elite gegen das Volk“ aufbricht. Empathie zeigt Grauzonen auf. Sie schafft Verständnis zwischen verschiedenen Gruppierungen und bietet die Möglichkeit, sich trotz anderer Ansichten zu akzeptieren.

Design-Ansätze ermöglichen es, eine Vielfalt von Perspektiven kennenzulernen, den Fokus weit zu öffnen und in einem weiteren Schritt die so entstandenen Einsichten zu synthetisieren um sinnvoll damit weiterarbeiten zu können. Diese Einblicke in einzelne Alltags-Geschichten von einer Vielfalt an Bürger*innen lassen auf systemische Mechanismen und Wirkungsketten zur Gestaltung von Politik schließen. Diese tiefen Einblicke werden durch statistisch repräsentativen Studien oft nicht gewehrt, da diese nicht mit Empathie und nicht in aller Tiefe nach dem “Warum?” fragen.

Für Politiker*innen bspw. bergen Momente echter Begegnung die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Zielgruppen in Berührung zu kommen, die sie sonst nur aus der Ferne wahrnehmen – und daraus kreative, reichhaltige Impulse für eine innovative Politikgestaltung zu ziehen.

Solche sozialen Innovationen bieten nicht nur technologische Neuerungen, sondern auch Lösungen für gesellschaftliche Probleme und weichen von bisherigen Regeln und Vorgehensweisen ab.

Auf dem Weg zum demokratischen Idealzustand

Die Utopie einer gewaltfreien, solidarischen Demokratie: Laut dem Philosophen Richard Rorty rückt sie nur in greifbare Nähe, wenn sicher gestellt ist, dass die Mitglieder einer Gesellschaft die Bereitschaft haben, sich das Leiden Anderer vorstellen zu können, auch wenn diese nicht zu ihrem Kulturkreis oder ihrer Peergroup gehören. Dazu gehört das Vermögen, andere Sprechweisen und Auffassungen als gleichwertig zu erkennen und das eigene Vokabular ständig eine Generalüberholung angedeihen zu lassen. Diese Fähigkeit zum Erkennen des Leidens der Mitmenschen setzt seinerseits Empathie voraus (Rorty nennt es „eine Art ethische Fantasie“).

Was braucht es, um empathisch sein zu können?

Empathie ist ein sehr anspruchsvoller Modus, der viel Energie kostet und muss immer wieder neu gelebt und belebt werden. Empathie geschieht nicht von selbst und sie muss methodisch befördert werden; dazu ist mensch-zentriertes Design sehr gut geeignet. Methoden, Prozesse und Abläufe aus dem mensch-zentrierten Design und dem Design Thinking bieten aus unserer Erfahrung Rahmenbedingungen, die den Zugang zu einem empathischen Modus erleichtern.

Während meiner soziologischen Feldforschung zum Thema Empathie habe ich außerdem erkannt, dass Empathie im Wesentlichen einen Raum braucht, der gleichzeitig offen und sicher ist. Offen in Bezug auf zeitliche Freiheit und die Freiheit des Ausdrucks, aber auch hinsichtlich einer zumindest temporären Befreiung von Hierarchien und Machtstrukturen. Sicher in Bezug darauf, dass die ausgetauschten Inhalte nicht gegen eine Person verwendet werden können und eine vertrauensvolle, geschützte Atmosphäre herrscht. Und es braucht Zeit, um das Gemeinsame und das Andere des Gegenübers zu erkennen, zu reflektieren und einzuordnen.

Dann können Menschen in einen Modus kommen, in dem sie auf Fremde verstehend zugehen. Das Zulassen dieser Momente kann faszinierende Unterbrechungen im Ablauf des täglichen Lebens bereithalten und zu jenen inspirierenden Erkenntnissen führen, die für den Design-Prozess so wichtig sind.